Ein Rausch

Mit Charme, Power und Waghalsigkeit:
Szene-Gesichter boten Klassiker beim Neujahrssingen in der Nato

Lange, wohlgeformte Beine. Graziler Bewegungsapparat. Ein Blick, der die Welt verbessern kann. Eine Stimme wie eine Kuscheldecke. Brüste aus Socken, die das Kleid anheben. So steht er da: Ecki Grundmann ist eine hinreißende Mireille Mathieu an diesem Samstagabend in der vollgestopften Nato – und mit seiner charme-strotzenden Darbietung von “Hinter den Kulissen von Paris” einer der Glanzpunkte des 1. Neujahrssingens.

Leipziger Szene-Gastronomen und Medienleute als Performer auf der Bühne des Lebens. Ein witziges, umwerfendes Spektakel, das Paul Fröhlich und Maike Beilschmidt unter dem Titel “Das Milieu zu Gast bei Freunden” angezettelt haben. Der Moderator erweckt sowohl als Robbie Williams (“Let Me Entertain You”) wie als Hüftschütze lockerer Verbalsalven die Rampensau in sich, und Beilschmidt ist die perfekte Backstage-Koordinatorin. Die exklusiv verpflichtete Live-Band “Südwind” wünscht sich jeder Gesangsprofi: Tilo Augsten an den Tasten, Saxofonist Frank Liebscher, Perkussionist Peter A. Bauer und Schlagzeuger Peter Jakubik sind die begnadeten Männer für alle Fälle.

Yusuf vom Bistro El-Amir hat bei der Generalprobe am Nachmittag in der Rolle des Roberto Blanco den bewundernswerten Stil kultiviert, sich im Gesang von “Ein bisschen Spaß muss sein” aufs Wesentliche zu beschränken, nämlich den Refrain. Am Abend reduziert er sehr sympathisch auch den – unter anderem, weil das Mikro den Geist aufgibt. Gaby Smole vom KilliWilly legt mit rotglühenden Locken und schillerndem Umhang eine hinreißende Petula Clark hin (“Downtown”), und das sensationelle Gitarrensolo von Palermo-Chef Dietrich Enk bei “Es steht ein Haus in New Orleans” schreibt ein weiteres Kapitelchen in der Geschichte des Bob Dylan. Flowerpower-Wirt André Streng und Silke trumpfen als Alexandrow-Ensemble groß auf: Bonbons für die Menge, russische Uniform neben Märchenkleid, bärige Stimme und eine “Katjuscha” voller Inbrunst und Leidenschaft. Fürs “Noch besser Leben”-Trio Marlene & Dietrich üben die Herren Walter und Reißig gentleman-like Zurückhaltung, um Anja Sokolowski ins Licht zu rücken. Auch Heinz im Glück, der aus dem Publikum gezogene Spontan-Singer, servierte seinen “Griechischen Wein” nonchalant.

Personell wie auch im Anliegen stößt der Kreuzer an die Grenzen des Neujahrssingens: Sieben junge Mädels unternehmen im umgetexteten “Zu spät” der Ärzte den Versuch, die schwere LVZ-Neurose des Stadtmagazins abzuarbeiten. Nina Rolf vom Café Mule bringt als Madonna die Leichtigkeit zurück, und die großartigen Backgroundchor-Damen Klara, Robina und Ariana erhöhen Saaltemperatur (angezeigtes Maximum: 33 Grad) und Tempo als Weather Girls.

Den Schluss markieren die LVZ-Gesandten: Grit Little-Service und Jack M. Daniels (dem Autor dieser Zeilen vertraut) powern als Olivia Newton-John und John Travolta “You’re The One That I Want” durch den Saal. Im Finale feuern alle Teilnehmer Konfetti ins feiernde Publikum. Ein Rausch. Nur eine Frage blieb unbeantwortet: Mireille Grundmann, auf welches Klo bist du eigentlich gegangen?


Mark Daniel
Leipziger Volkszeitung
08.01.2007