Flug der Funken, Tränen der Rührung

Leipzig feiert seine Gastro-Helden:
Zweites Neujahrssingen im ausverkauften UT Connewitz

Was für ein Andrang: Wer eine Karte sein eigen nennen kann, quetscht sich durch die Schar der armen Seelen, die am Samstagabend vor dem UT Connewitz im kalten Wind auf nicht abgeholte Resttickets hoffen. Im Saal gemütliche Enge, das Publikum wartet in prächtiger Feierlaune auf den Beginn des ausverkauften Szene-Spektakels – das Neujahrssingen der Leipziger Gastronomen ist auf dem besten Weg, sich zur festen Institution zu entwickeln.

“Wir woll’n den Torsten sehen”, intoniert eine Gruppe von Fans, die den Chef der Vodkaria schon vor dessen Auftritt feiern. Kurz nach 21 Uhr endet der Countdown. Moderator Paul Fröhlich besteigt in bester Plauderlaune und glitzernder Abendgarderobe die Bühne. “Satisfaction” wird der erste Song einer rauschenden Szene-Nacht, voller Pyro-Show, Gags, Kostümen, der glänzenden Band Südwind und starkem Background-Chor. Fließend wechselt Fröhlich gesanglich zu Robbie Williams: “Let Me Entertain You” (2007 zum ersten Neujahrssingen geschmettert), dann eilt er unter dem Jubel der Zuschauer von der Bühne, um die Moderationsgarderobe überzuziehen. Er begrüßt das internationale Publikum: Selbst aus dem Ruhrgebiet, aus Brüssel und Halle sind Zuschauer angereist.

Im Backstage steigt derweil die Fieberkurve der Künstler. Bin ich bei Stimme? Sitzt mein Kostüm? Wie war doch der Text? Im Moment vor dem Auftritt ist der Künstler allein, allein mit sich und seinen – im Idealfall unbegründeten – Ängsten. Und dann heißt es schon “Bühne frei” für die erste Interpretin: Keine Geringere als Gitte (dargestellt von Gabi Smole, Killiwilly) erscheint: “So schön”, behauptet sie, “kann doch kein Mann sein”. Finden nicht nur die Frauen im Publikum – der Text wird sofort mitgesungen. Eine Zugabe, dann geht die Show weiter. Die Gruppe Dschingis Khan, gespielt vom Team der Vodkaria, erobert temporeich mit “Moskau” die Sympathien der Zuschauer, die begeistert mitklatschen.

Nächster im Bund – Howard Carpendale. “Hello Again” haucht der ins Mikro und nimmt mit ein paar routinierten Gesten die Herzen der weiblichen Zuschauer im Sturm. Die Frisur, der Mantel, der Ausdruck in der Stimme – fast könnte man die Gerüchte vergessen, dass es sich in Wirklichkeit nicht um Howie, sondern um LVZ-Redakteur Mark Daniel handeln soll.

Mediterran geht’s bei Shady zu: Der Gastronom gibt Adriano Celentanos “Azzurro”, barfuß und im blau-weiß-gestreiften Fischerhemd. Möchte da nicht einmal eine junge Dame die Hand auf den Bauch des Künstlers legen, fragt Fröhlich nicht ohne Hintersinn. Odette meldet sich – und wird prompt zu jenem Publikumsgast deklariert, dem nur wenig Zeit bleibt, um in die Rolle von Marianne Rosenberg zu schlüpfen.

Doch zuvor geht das Programm weiter. Das Team der Nato bietet “I Shall Be Released” – Feuerzeuge flammen, Wunderkerzen sprühen, Tränen der Rührung werden aus Augenwinkeln gewischt. Doch für Sentimentalität ist keine Zeit, schon zündet der nächste Stimmungshit. Henry Valentino und Uschi stürmen mit “Im Wagen vor mir” nach vorn. Da fliegen Schlüpfer und BHs auf die Bühne, werden mit sehnsuchtsvollen Blicken Rosen nach oben gereicht. Sollten diese großen Künstler wirklich in der Grünen Tomate arbeiten?

Jetzt ist die Zeit reif für Publikumsgast Odette. “Er gehört zu mir” klingt, als hätte sie’s schon immer gesungen, wunderbar. Schade, das Ende naht mit Riesenschritten: Monika Herrmann (Orange) singt Nenas 99 Luftballons. Die schweben prompt von der Empore – in traumhaftem Weiß. Die drei Background-Damen selbst steuern noch ein Stück bei, dann schmachtet Egbert Pietsch für den Kreuzer Engelbert “Can’t Take My Eyes Off You”. Schließlich Jerry vom Basa Mo als Miriam Makeba mit “Pata Pata” und Tanzeinlage. Zum Finale gibt’s eine gemeinsame Abschiedsnummer mit allen Beteiligten inklusive Produzentin Maike Beilschmidt im Konfettiregen, dann ist die große Show vorbei. Das Fieber aber bleibt, denn 2009 wird sich der Vorhang wieder öffnen, wenn es heißt: “Das Milieu zu Gast bei Freunden”.


Markus Wittpenn
Leipziger Volkszeitung
07.01.2008