„Gefällt mir“

Große Unterhaltung:
Das bisher wohl beste Neujahrssingen im gnadenlos ausverkauften Anker

Am Ende raunt man sich im Backstage zu, es sei das beste Neujahrssingen aller bisherigen Zeiten gewesen. Zur fünften Auflage zog das Gastrophonie-Spektakel am Samstag in den ausverkauften Anker, wo selbst an der Abendkasse nichts mehr zu machen war. Die Glücklichen, die drinnen weilten, erlebten wieder ein musikalisches Querfeldein, dargeboten von wagemutigen Szene-Wirten und ehrwürdigen Medienvertretern der Stadt.

In jedem Januar gibt es den einen Abend: All jene, die sich sonst hinter Tresen oder Kürzeln unter Texten verstecken, sollen auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Mit Unterstützung einer professionellen Band, nach langwierigen Proben und in wahlweise intensiver Kostümierung singen sie je einen Titel pro Etablissement live, ohne Playback. Keiner gewinnt oder verliert, alle geben ihr Bestes.

Ließ sich in den letzten Jahren manch überraschender Favorit ausmachen, liegt das Feld heuer eng beieinander. Da ist Tonelli, der „All Night Long“ von Lionel Richie gesanglich selbstredend perfekt darbietet. Nahe ran kommt da die Gesandtschaft der Theaterkneipe Pilot. Bei der wird Andreas Hahn mittels Typveränderung, gefärbtem Haar und grünem Rüschenhemd zu James Brown, drei quasi einem Aerobic-Video entsprungene Tänzerinnen zeigen dazu, was „I Feel Good“ wirklich bedeutet.

Großen Jubel ernten auch die Newcomer vom Laib und Leben in der Katharinenstraße. Sie erinnern mit „I Got You Babe“ an die Epoche, in der Cher noch nach was aussah und das Hippie-Haarbändchen erfunden wurde. Die zwei Ratskeller-Girls halten sich ans gemeine Schulterpolster und sammeln Sympathiepunkte für die Ausgrabung von Nena und Kim Wilde.

13 Szene-Teams sowie ein ins Rampenlicht gezerrter Publikumsgast geben sich das Mikro in die Hand. Um eventueller Verwirrung vorzubeugen, bedarf es da guter Moderation. Eigentlich war das Neujahrssingen eine der Veranstaltungen von Paul Fröhlich, der 2009 tödlich verunglückte. Nachdem das Loch, das sein Fehlen in die Szene und speziell diese Show riss, im letzten Jahr eher notdürftig von einem Moderations-Duo geflickt wurde, fiel die Rahmengestaltung dieses Mal in die Hände von Donis.

Der hat sich tatsächlich einen Abend vom Tresen-Stammplatz im Hotel Seeblick, mit dem er bisweilen fast körperlich verwachsen scheint, losreißen können und will am Ende gar nicht mehr weg aus dem Anker. Er nennt Fröhlich einen „großen, krassen Typen“ und hofft, seine Aufgabe in dessen Sinne zu bewerkstelligen. Ihm gelingt es dank langjähriger Latenight-Erfahrung aus dem Ilses Erika, entspannt und ungekünstelt durch den Abend zu führen – Donis kann einfach mit Publikum.

Sehr solidarisch unterstützt er also Zuschauerin Ann-Christin nach Kräften bei „Er gehört zu mir“, statt sie ins Elend zu stürzen, und brummelt sogar selbst einen Song. Mit einem Tablett Wurzelpeter für die ersten Reihen macht er sich viele neue Facebook-Freunde und regt an, auch im realen Leben öfter mal „Gefällt mir!“ zu sagen. Vor allem aber kennt Donis die Szene, über die er plaudert.

Einzig für das Zugaben-Problem scheint auch er keine Patentlösung gefunden zu haben: Durfte vergangenes Jahr nicht jedes Team eine geben, müssen jetzt alle umgehend zur mindestens einründigen Verlängerung ran. Das wirkt wiederum etwas inflationär, weil man herausragende Acts doch eigentlich etwas mehr würdigen möchte – die Delegation dieser Zeitung beispielsweise. Mit höchst aufwändiger Kostümierung in dunklen, eng anliegenden Textilien und Unmengen schwarz-weißer Farbe in den Gesichtern geben (lediglich) drei Kollegen „I Was Made For Lovin’ You“ von Kiss. Wacker halten sie sich auf den Plateauschuhen, deuten damit sogar eine Choreographie an und erzeugen ein fröhlich durchs Publikum schwappendes Grölen – eine starke Vorstellung. Medien-Kollege Clemens Müller vom Kreuzer liefert einen gefühlvollen Rio Reiser.

Gewohnt relaxt und sehr britpoppig singen die beiden coolsten Typen der Moritzbastei „Wonderwall“, Shady bringt eine orientalische Tänzerin mit. Die Obdachlosenzeitung Kippe unternimmt mit dem „Elektrischen Gefühl“ angenehmerweise einen Ausflug in die allerjüngste Pop-Geschichte, die Nato macht es sich mit „Mama Loo“ textlich recht einfach, Nancy Sinatra aus der Drogerie trägt ein rotes Ganzkörperdress, und Volkshaus-Chef Andreas Bürger mutiert unter Einfluss der Kings of Leon wieder zur Rampensau. Im Spizz hat man sich fürs Gutaussehen und gegen die eigentlich obligate Choreographie mit Gitarre entschieden, beide Sänger stecken dafür alle verfügbaren Energien in den bei „Sugar Baby Love“ dringend erforderlichen Urlaut.

Quer durch Stadt und Szene führt das musikalisch tatsächlich hochwertige, vor allem aber unterhaltsame Neujahrssingen 2011. Wie immer hat einen großes Anteil daran die Band Paratox, die problemlos durch alle Zeiten und Genres kommt und den Sängern ein bisschen Sicherheit spendet. Keiner blamiert sich, einige fühlen sich auf der Bühne sogar sichtlich wohl. Das Milieu war wieder zu Gast bei Freunden, und frohen Mutes ziehen Wirte wie Schreiber ins neue Jahr. Ganz klarer Fall für den „Gefällt mir“-Button.


Theresa Wiedemann
Leipziger Volkszeitung
10.01.2011