Die Pose zum Starschnitt

Bunt, kultig, bejubelt:
Beim 6. Neujahrssingen im ausverkauften Anker huldigt die Gastro-Szene Rock- und Pophelden

Bei den ersten Takten von „Griechischer Wein“ steckt die linke Hand schüchtern in der Hosentasche. Doch als das Publikum im ausverkauften Anker immer lauter den Refrain mitsingt, traut sich der Mann am Mikro, sie auch zum Gestikulieren zu benutzen. „Es ist unglaublich, wie man Stück für Stück die Scheu verliert“, gesteht Matthias der johlenden Menge nach seinem ungeplanten Auftritt beim 6. Neujahrssingen. So wie ihm ergeht es am Samstag allen Interpreten: Die verzückten 900 Zuschauer stacheln den Ehrgeiz an.

Ob die Töne des Originals dabei immer richtig getroffen werden, zählt an diesem Abend trotzdem nicht. Es geht um den Spaß an der Musik, der stilechten Kostümierung und der übertriebenen Pose, wie sie Ralf Donis aus dem Tanzcafé Ilses Erika gleich zu Beginn vorführt. Bei seiner äußerst komischen Interpretation der Gothic-Rock-Nummer „Temple Of Love“ von den Sisters Of Mercy wedelt der Sonnenbebrillte wie ein Irrer mit den Armen und reibt sich lasziv an seiner Partnerin im roten Ofra-Haza-Kostüm.

Wie üblich, wechselt jährlich der Moderator – im vergangenen Jahr Donis, diesmal Gudula Kienemund von den Leipziger Kulturpaten. „Ich will eine Menge Visitenkarten einsammeln“, droht sie dem Publikum halb im Scherz. Dieses Jahr nämlich sollen die Überschüsse der Veranstaltung an ihre gemeinnützige Unternehmergesellschaft gehen, die sich seit 2008 für kulturelle Projekte engagiert.

Dass Kienemund selbst auch Musik liebt, zeigt sie in ihrer mit Inbrunst und starker Stimme vorgetragenen Version von „I Am What I Am“, dessen Original von Gloria Gaynor aus dem Jahr 1984 stammt. Als Fans der musikalischen Achtziger outen sich auch die gut aufgelegten Jungs der Moritzbastei mit „Panic“ von den Smiths. Wie das Vorbild Morrissey wirft Sänger Rick Barkawitz Blumen in die Menge. Anica Ebeling und Mark Daniel von der Leipziger Volkszeitung beenden die Zeitreise durch die Achtziger mit ihrer Version von „Fade To Grey“ der New-Wave-Band Visage – dank Haarspray, jeder Menge Schminke und roboterhaften Gesten so künstlich und unheimlich wie das Original.

Das 6. Neujahrssingen ist aber eigentlich eine Hommage an die musikalischen Siebziger. Fünf der 15 vorgetragenen Songs kommen allein aus diesem Jahrzehnt. Darunter so wunderbar groovige Hits wie „Yes Sir, I Can Boogie“ (Lucca Bar als Baccara) und das zur Hymne taugende „So woll’n wir leben“ (Kreuzer als Gerd Michaelis Chor), das mittels herrlich schrecklicher Perücken ins Trashige abgleitet.

In der Reihe der Siebziger-Jahre-Interpreten sticht Torsten Junghans von der Vodkaria als täuschend echte Kopie des City-Sängers Toni Krahl hervor. In den Vorjahren als Dschingis Khan und Udo Lindenberg am Mikrofon, musste er für diesen Auftritt weit mehr Haar lassen. Umso besser sitzt das rote Kopftuch bei seiner mitreißenden Performance, begleitet vom ohrenbetäubenden Jubel des verzückten Publikums. Und noch eine perfekte Kopie gibt es zu bestaunen: Das Geyserhaus wagt sich an eine Interpretation von „You Know I’m No Good“ der US-Sängerin Amy Winehouse. Ob es Zufall ist, dass deren Frontfrau dabei einen Becher mit Flüssigem in der Hand hält?

Den Vogel in Sachen Star-Kopie schießen an diesem Abend allerdings die vier Jungs aus dem Horns Erben ab, die als Take That die Boygroup-Ära der Neunziger wiederauferstehen lassen. Einige Damen in der ersten Reihe recken die Hände nach Patrick Berger alias Marc Owen, worauf sich dieser mit gespielt cooler Pose nach unten beugt. Das Schlussbild der Vier gerät so perfekt boygroup-artig, dass es mühelos für einen Bravo-Starschnitt taugen könnte. Dieses Debüt von Horns Erben schreit nach eine Fortsetzung im nächsten Jahr.

Gäbe es einen Preis für den Auftritt mit dem größten Körpereinsatz, Andreas Bürger vom Volkshaus würde ihn bekommen. Bei „Dance With Somebody“ von Mando Diao legt er sich tänzerisch derart ins Zeug, dass um ihn herum die Luft brennt. Die tollen Soloparts des Paratox-Gitarristen Jörg Anders machen Bürgers Show perfekt, um eine Zugabe muss das Publikum den verschwitzten Interpreten nicht lange bitten. Etwas verdutzt blicken dagegen die Jungs aus dem Kulturkaffee Plan B drein, als sie nach ihrer energiegeladenen Version von „Das Kompliment“ der Sportfreunde Stiller noch einmal auf die Bühne sollen. „Meinen die wirklich uns?“, scheinen ihre Blicke sagen zu wollen. Ja, die meinen euch!

Zum Abschluss eine Überraschung: Gerade aus Berlin kommend, besteigt Jasmin Graf, Leipzigs Hoffnung bei der Casting-Show The Voice of Germany, die Bühne – vor einem Jahr stand sie im Background der Veranstaltung. Ein bejubelter Song von ihr – und danach wird zur Konserve getanzt bis in den Morgen.


Verena Lutter
Leipziger Volkszeitung
09.01.2012