An Tagen wie diesen …

Beim 7. Neujahrssingen glänzen Leipzigs Gastronomen am Mikro –
und locken an zwei Abenden 1750 Gäste in den Anker

Als der Beamer die letzten zehn Sekunden auf die Leinwand wirft und das Publikum den Countdown lautstark runterzählt, da ist klar: Leipzigs Gastro-Szene hat ihren eigenen Jahresbeginn, den des Neujahrssingens. Zwei Dutzend Kellner, Kneipiers, Kultur- und Medienmacher traten Freitag und Sonnabend in genialen Kostümen, mit großartigen Darbietungen und einer ungeahnten Portion Musikalität auf die Bühne im Anker – und vor ein restlos begeistertes Publikum.

Die Szene rückt zusammen. Muss sie auch, denn im ausverkauften Anker ist am Samstagabend kaum ein Parkett-Zentimeter unberührt. Gut 1000 Besucher tanzen, jubeln und johlen dort, wo sich am Vortag schon 750 vom gastrophonischen Spektakel mitreißen ließen. Produzentin Maike Beilschmidt, die das Event gemeinsam mit Paul Fröhlich aus der Taufe hob und nach seinem Tod 2009 weiterführte, hat es erneut geschafft, grandiose Talente aus Leipzigs Restaurant- und Kneipenfamilie von der Bar auf die Bühne zu holen.

Mugger-Wirt Tonelli zum Beispiel, in den Vorjahren als Santana und Lionel Richie im Scheinwerferkegel, schüttelt gleich zu Beginn die Hüfte als „Mambo No. 5“-Sänger Lou Bega. Stilecht, natürlich, in weißem Anzug und Casablanca-Hut. „A little bit of“ Background-Sängerin Sabine zur Rechten, „A little bit of“ Background-Sängerin Dörte zur Linken gibt es für ihn während des Songs, Luftküsschen der beiden Damen fliegen im Takt auf seine Wangen. Volkshaus-Inhaber Andreas Bürger zieht nach, legt mit dem 84er-Hit „Shout to the Top“ der Synth-Pop-Band The Style Council eine flotte Tanzsohle aufs Parkett und kann darüber hinaus noch mit ausgezeichneten gesanglichen Qualitäten begeistern. Beim treibenden Disco-Beat der Nummer dreht auch die langjährige Neujahrssingen-Live-Band Paratox richtig auf, Schlagzeuger Wieland Götze lässt zackige Sechzehntel aus dem Handgelenk zucken.

Die Zugabe folgt obligatorisch, eine Extra-Runde Refrain ist auch 2013 für jeden Akteur fest eingeplant. Mitunter ist das etwas schade, verhält es sich mit Zugaben nun mal wie mit bedruckten Werbe-Kaffeetassen: Bekommt jeder eine, ist sie nichts Besonderes mehr. Verdient hat sie auf jeden Fall die Gohliser Mega Bar, die mit eigener Akustik-Gitarre (Tobias Kluge) und dem saftigstem Saxofon seit es Kneipengigs gibt (Detlef Rentsch) die musikalische Latte ganz weit oben ablegt. Der goldene Holzbläser zaubert Gerry Raffertys „Baker Street“ so unglaublich authentisch und tonvoll, dass die kurze Zusatz-Passage kaum ausreicht, um den Auftritt zu würdigen.

Zum ersten Mal findet das Neujahrssingen an zwei Abenden statt. Die Show ist mittlerweile mehr als nur Milieu-Ereignis, ein richtiger Kult-und-Kultur-Termin hat sich da etabliert. Ein Triumph, geschuldet dem Engagement einer entschlossenen Macherin und ihrem Team, schon die liebevollen Intro-Videos zeigen, dass hier mit Herzblut gearbeitet wird. Gleiches bringen die Akteure mit, schminken und verkleiden sich teilweise so ideenreich und detailgetreu, dass man als Leipziger gleich morgen eine Touristengruppe stolz durch Karli, Barfußgässchen & Co. ziehen möchte. Optisch besonders wertvoll sind die Einlagen der Nato, die mit zwei BossHoss-Cowboys in spitzen Stiefeln, Western-Hut, Jeans, Kette am Hosenbund und – ganz klar – silbernem Bling-Bling am Finger ein perfektes Cover der „Hot Stuff“-Country-Rock-Version darbietet, die von LVZ-Verlagskaufmann Franz Uhlig, der als düster geschminkter Alice Cooper mit langem, wehenden Haar und schwarzer Lederkluft ein infernales „Poison“ nicht nur singt, sondern zelebriert, dazu die von Horns Erben, die sich mit Kapuzenjacke und allerlei Kopfbemützung als vier fantastische Hiphopper entpuppen sowie die von Moritzbastei-Pressesprecher Torsten Reitler, der als aalglatter George Michael mit goldenem Ohrring und Porno-Brille nicht nur als perfektes Double durchgeht, sondern „Freedom“ auch stimmlich satt zu trällern vermag.

Nicht weniger genial handhabt Kippe-Vertreter Roland die verzerrte E-Gitarre zum Neil-Young-Klassiker „Hey Hey, My My“, lässt Kreuzer-Kollege Christoph Graebel die moldawische Flagge zum Umta-Umta-Hit „Dragostea Din Tei“ wehen, stimmt Geyserhaus-Bookerin Karolina Pytlarczyk Skunk Anansies „Hedonism“ an, bringt das Plan B drei smarte Herren plus klangstarke Pink-Doppelgängerin auf die Bühne, huldigt Beyerhaus-Chef Nino Junghanns mit Gänsehautfaktor Fury in the Slaughterhouse, und präsentieren drei Spizz-Barherren die Rock’n’Roll-Nummer „Halbstark“ von den Yankees. Produzentin Beilschmidt – zum ersten Mal als Moderatorin auch vor den Kulissen präsent – steuert ebenfalls einen Titel bei, gemeinsam mit Co-Moderator und LVZ-Kulturredakteur Mark Daniel. „So nah am Feuer“ (Alice & Stephan Waggershausen) schmachten beide ins Mikro, die weiblichen Parts selbstverständlich in schönstem Italienisch.

Der krönende Abschluss kommt von Vodkaria-Chef Torsten Junghans. Musste er im vergangenen Jahr für die Verwandlung in City-Sänger Toni Krahl noch Haare lassen, bekommt er dieses Mal welche dazu – mit blonder Punk-Perücke und dünnem Querstreifenpullover gibt er eine Campino-Kopie. „An Tagen wie diesen“ schallt es aus den Boxen und die wunderbar mitfiebernde Zuhörerschaft aus Stammgästen, Fans und Szenegängern darf noch einmal kräftig mitsingen. „…wünscht man sich Unendlichkeit“ heißt es in der Liedzeile weiter – für das Neujahrssingen darf das getrost gefordert werden.


Leipziger Volkszeitung
07.01.2013